
Sensationell war es wirklich, das
Fumetto Comixfestival 2007 in Luzern. Hervorragend, inspirierend und unglaublich relaxed war es immer schon gewesen, aber dieses Jahr übertraf die Vorigen, nicht zuletzt dank der Programmgestaltung des neuen Festivaldirektors Lynn Kost.
Um zur Fumetto Comicausstellung im - alle Jahre wieder architektonisch atemberaubenden - Kunst- und Kongresszentrum Luzern zu gelangen, mußte man einen grossen traurigen Raum mit armseligen Exponaten der Gewinner eines Kunstpreises durchqueren. Plötzlich wurde man in die grotesk opulente Bilderwelt eines Nicolas de Crècy geworfen, im Raum darauf folgten Originalzeichnungen aus dem interessantesten Comicmagazin der letzten Jahre, Kramers Ergot aus Los Angeles.

Stilistisch scheinen die Macher von Kramers Ergot mit zeichnerischen Mitteln ähnliche ästhetischen Ziele zu verfolgen wie die jungen Musiker des Neofolk. Ihre Bildsequenzen sind vielschichtig, bunt, sensibel.
Im nächsten Raum: konzentriert und geometrisch Richard Mcguire.

Er erzählte in seinem Vortrag zur Ausstellung, es gefiele ihm, mit formalen Beschränkungen umzugehen. Seine Bilder wirken, wie der Fumettokatalog so treffend beschreibt, „auf den ersten Blick formalistisch, und bergen Geschichten von hohem intellektuellen Gehalt." Der Kontrast zwischen Richard Mcguires Arbeiten auf Papier und Bildschirm zu den darauffolgenden herrlich altmodisch wirkenden Zeichnungen von Peter Blegvad könnte optisch nicht grösser sein, inhaltlich aber offenbarte sich ihre geistige Verwandtschaft. Beide haben Vergnügen an Gedankenspielen, verfolgen ihre Ideen präzise bis zum Ende und verlieren sich nicht in formalen Experimenten.

Raum um Raum durchschreitend begann ich zu schweben, schmatzte und schnalzte geniesserisch mit der Zunge.
Weitere Ausstellungen zeigten Arbeiten des Hamburger Magazins „Orang" (originell das Ausstellungsdesign von Till Thomas),
Frederic Peters (na, der kann so richtig sauber und klassisch Comics zeichnen), Nicolas Mahler (Artist in Residence im vornehmen Hotel Schweizer Hof, dafür mußte er jeden Nachmittag ein Bild zeichnen, O-Ton Frau Mahler „Man gewöhnt sich an alles"), Blanquet („nicht für Kinder geeignet"), Gipi (die Möglichkeit, alle Comicseiten eines Buches gleichzeitig an einer Wand zu sehen offenbarte noch deutlicher, sein Talent, den "Kamerablickwinkel" in filmischer Manier von Panel zu Panel zu verändern) und Killoffer (wollte Kunst machen, ist ihm gelungen).
Nachwuchsstar des Festivals war Kati Rickenbach, vor deren Signiertisch sich lange Schlangen bildeten. Sie überzeugte mit ihrem Buch „Filmriss" ebenso wie mit einer liebevoll gestalteten Einzelausstellung. Ein älterer Mann jedoch raunte mir zu:" Ich war gerade in der Ausstellung von Kati Rickenbach, na, also, ich dachte immer, die Kati wäre ein solides Mädchen!" (Ich schaue erstaunt) "Bei der folgt ja eine Männergeschichte auf die Nächste!" Nun zeichnet Kati Liebeleien, aber weder Nackedeis noch erotische Szenen. Im Gegensatz zu ihrer Kollegin Anna Sommer, die ebenfalls ein neues, allerdings autobiographisches Buch mit dem schönen Titel „Die Wahrheit und andere Erfindungen" in einer Ausstellung präsentierte. Gegen Anna Sommer ist Kati Rickenbach ein sehr solides Mädchen, und selbst Anna überschreitet keine der zeitgemäßen Anstandsgrenzen. Ich habe mich im Stillen gewundert, warum der Mann seine Empörung gerade von mir bestätigt finden wollte.
Gruss,
Ulli Lust
(in der Ausstellung von Blanquet)


Bootsfahrt auf dem Vierwaldstätter See

Peter Blegvad, Kai Pfeiffer, Pauliina Makela
(finnische Wettbewerbsgewinnerin), Chihoi und Kati Rickenbach

Pierre Thomé

Mawil, Sammy Harkham (Kramers Ergot)

Sascha Hommer, Kati Rickenbach

Sabine Wittkowski, Liliana Cupido (Canicola)

Killoffer

Astrid und Jakob Mahler

Anke Feuchtenberger, Martin Tom Dieck im Festivalzentrum

Micha (Modern Graphics)

Tanja Huber, Kai Pfeiffer

Anders Nielsen, Liliana Cupido

KP, Dice, Kati Rickenbach

Hamburger Zeichnerinnen, in der Mitte: Marijpol

Anton und Dirk Rehm (Reprodukt)

Toby Dahmen

Sammy Harkham, Peter Blegvad

Richard Mcguire, Ulli Lust, Kai Pfeiffer

Helmut Kaplan von
Tonto Comics, einer Orchidee aus Österreich, wo sonst nur Gänseblümchen wachsen;
(ausser der Trauerweide Mahler natürlich) und Kai Pfeiffer

Mawil und die Mitbewohnerin einer Freundin

Kati und Christina (Photo: Mawil)

Ulli Lust