"Je suis 72" flüsterte Madame R., die uns zwei Zimmer vermietete und der man ihr Alter nicht ansah, "but I have a friend". Sie lachte und wir raunten geräuschvoll Anerkennung, wir wissen schließlich, was sich gehört.
Ihre Wohnung war eine Puppenstube, geschmackssicher eingerichtet, mit drei kleinen Zimmern, pinkfarbenen oder geblümten Tapeten, Spitzendeckchen, zierlichem Nippes auf den Antiquitäten, und einem verwegenen Ledersofa in Pink im Schlafzimmer. Auf dem Weg zum Badezimmer (in Pink) mußte man das Wohnzimmer durchqueren. Deshalb durften wir nur vormittags duschen, nachts schlief im Wohnzimmer auf einem kleinen Sofa zusammengerollt Madame R.


oben:
Barbara Yelin, unten:
Lydia Schönberger (Biblyothek)Das elegante mädchenhafte Ambiente passte hervorragend zum Grund unserer Reise: einer Sammlung von Liebesgeschichten ("Pommes d' amour", erscheint demnächst bei
Delcourt / Paris und
Biblyothek / Leipzig, ) , erzählt von sieben deutschen und französischen Zeichnerinnen.
Auf dem Weg zu den Festivalzelten lag die "kleine" Kathedrale, ein Schild an der Tür verwies auf einen Ausstellung des Altmeisters Moebius in ihrem Inneren. Die Kathedrale war alles andere als klein, sie war beeindruckend und ehrfurchtgebietend. Ich wandelte durch das Kirchenschiff, bewunderte die Architektur und Reliefs mit der Darstellung des Leidenswegs Christi an den Seitenwänden. Kreuzwege sind zweifellos frühe Zeugen einer alten europäischen Tradition des Erzählens in Bildsequenzen. Dann begann ich mich zu wundern. Es mag an unserem Nachtquartier gelegen haben, und an der Tatsache dass ich von zwei Frauen begleitet wurde: es fiel unangenehm auf, daß sämtliche Abbildungen, Skulpturen und Reliefs nur Männer zeigten. Da waren Bilder von Heiligen, von Märtyrern, vom schmerzverzerrten Jesus am Kreuz, vorne neben dem Altar ein in seiner Eitelkeit geradezu peinliches Bischofsgrab, ausschließlich männliche Gesichter .... ich war fast gerührt, als ich endlich in einer seitlichen Kapelle eine Marienstatue entdeckte.
Dann machte ich mich auf die Suche nach Moebius' Zeichnungen. In zwei Seitenräumen wurde Dieses und Jenes gezeigt, zum Beispiel Cartoons mit platten Bildideen und einer Signatur von Moebius. Ich kniff die Augen zusammen um den Blick wieder scharf zu stellen. Auf dem Tisch lag eine gedruckte Sammlung dieser Cartoons in einem Kalender mit dem Untertitel "2000/2001". Eine Verwechslung war ausgeschlossen.

Es gab noch einen zweiten Büchertisch in der Kathedrale, an dem ich spontan ein Buch erwarb. Ich war unsicher, ob es nicht vielleicht doch ein bisschen kitschig war, aber die Bilddramaturgie schien studierenswert. "Das ist eines von der Art Bücher, die Preise gewinnen, aber wie Blei im Buchladen liegen." meinte ich später fast entschuldigend zur Verlegerin Lydia. Es heißt
"Wo unsere Väter hingehen" von dem australischen Zeichner Shaun Tan und erzählt in großartig poetischen Bildern ohne Worte von einem Mann der seine Familie verläßt um in der Fremde Geld zu verdienen. Zuhause in Berlin zeigte ich es Kai Pfeiffer und der rief "Ach, das hat gestern in Angoulême den Preis als bestes Buch gewonnen."

Eine anderer Überaschungspreisträger (Leserpreis der Zeitung Liberation) ist
Guillaume Trouillard mit seinem ersten farbigen Album "Colibri". Dieser junge Zeichner ist aussergewöhnlich talentiert und aussergewöhnlich engagiert. Der Comic basiert auf Eindrücken des Zeichners aus seinem dreijährigen Aufenthalt in China, es behandelt vor allem Umweltproblematiken in einer erstaunlich humorvollen Bildsprache. Das Buch erschien in seinem eigenen Verlag "les Editions de la Cerise", der Verlag publiziert auch Arbeiten von Carlos Nine.

Guillaume Trouillard

die Hamburger Zeichnerdelegation:
Dice &
Verena Braun ("Wir sind nur gute Freunde"),
Line Hoven &
Arne Bellstorf
ein Tisch voller Finnen im "Chat Noir", nicht im Bild sind
Jyrki Heikkinnen und
Ville Ranta, aber zumindest der Mastermind neuer finnischer Comicproduktionen
Tommi Musturi (Glömp, Boing Being) und seine Freundin.
Grégoire Seguin, Editeur bei Delcourt, und
Barbara Yelin
Ulli Lust in einer Ausstellung von Sergio Toppi
Milla (Korrekt müsste es heißen: Ludmilla Anastasia Reingard Bartscht zeichnet Tagebuchcomics auf dem Flughafen Charles de Gaulle)